Wer die Welt verändert hat, darf auch einmal Sharon Stone umarmen. Michail Gorbatschow auf seiner Geburtstagsparty in der Londoner Royal Albert Hall. Foto: Gorby80
Milliarden Menschen kennen seinen Namen. Politiker wie Popstars suchen seine Nähe. Der Mann, der die Welt und den Gang der Geschichte verändert hat, dürfte sich nicht so leicht aus der Fassung bringen lassen. Und doch stand am Mittwochabend Michail Gorbatschow in einer Loge der Londoner Royal Albert Hall und wischte sich verstohlen immer wieder mit der Hand über die nassen Augen. Der ehemals mächtige sowjetische Ex-Präsident und Generalsekretär der KPdSU weinte wie ein Kind, weil fernab von seiner Heimat die Menschen ihm einen herzlichen Empfang bereitet haben, der heute in Russland undenkbar ist.
20 Jahre nach dem Ende der Sowjetunion bleibt der Mann mit dem markanten Stirnfleck für viele Russen ein Verräter, der ihre Träume zerstört und der das Ansehen einer Atommacht leichtfertig verspielt hat. Zum 80. Geburtstag des Friedensnobelpreisträgers Gorbatschow hatte es in Moskau am 2. März eine Medaillenverleihung und eine Begegnung mit Präsident Dmitrij Medwedjew gegeben. Sonst nichts. Die Briten machten für „Gorby“am Mittwoch diesen Mangel an öffentlicher Anerkennung wieder wett: Bei der vierstündigen Geburtstagsgala in London mit etwa 5 000 Zuschauern kamen die Reichen und die Schönen aus Ost und West zusammen, um zahlreiche Berühmtheiten wie Shirley Bassey, Mel C und Brian Ferry zu sehen. Die drei Millionen Euro teure Party diente einem guten Zweck: Alle Einnahmen sollen einer britischen und einer russischen Krebs-Stiftung zugute kommen.
Gorbi und Goldie (Hawn) in der Royal Albert Hall. Foto: Gorby80
Mit Ticketpreisen zwischen 220 und 11 000 Euro war Gorbatschows Feier keine Veranstaltung für das gemeine Volk. Und so betraten am Mittwochabend hauptsächlich fein gekleidete Herren mit goldenen Uhren und Damen mit Nerzmänteln und edlen Handtäschchen aus Kalbsleder die Royal Albert Hall. Der Abend fängt mit verträumten Klängen des Londoner Symphonieorchesters und Archivvideos von „selbstlosen Nationalhelden“ an. Mutter Teresa, Einstein, Gagarin, Prinzessin Diana – und der 1931 in Südrussland geborene Kommunist, der das Wort „Perestroika“ in den Wortschatz vieler Nationen eingeführt hat. Als die Kamera anschließend Gorbatschow in der ersten Reihe zeigt, merkt man, dass „Genosse Glasnost“ rundlicher und schwerfälliger geworden ist.
Der legendäre Reformer wird von seinem Dolmetscher gestützt, als er die Treppe zur Bühne erklimmt. Gorbatschow spricht langsamer als früher. Seine Stimme hat ihre leidenschaftliche Kraft verloren. „Liebe Freunde, ich habe schon viel Freud und Leid erlebt und vor vielen Menschen gesprochen – aber nie war ich auf solch einem Abend wie heute“, sagt der 80-Jährige, und ein stürmischer Beifall brandet auf, noch ehe die Grußbotschaft übersetzt werden kann. Dann kommt der erste Höhepunkt der Party: Die Scorpions spielen ihre Freiheitshymne „Wind of Change“, und auf der Leinwand flimmern die Bilder vom Mauerfall. Ein Gänsehautgefühl beschleicht viele im Saal. „Wir verdanken Gorbatschow viel“, sagt Filmstar Kevin Spacey, der mit Kollegin Sharon Stone die Gala moderiert. „Ohne ihn könnte sich Chelsea heute nicht so viele Top-Spieler leisten“.
Es wird ein Abend der kollektiven Anbetung eines Mannes, der bei den Menschen sehr unterschiedliche Erinnerungen wachruft. Der frühere polnische Präsident Lech Walesa spricht auf der Bühne wehmütig von seinen ideologischen Kämpfen mit Gorbatschow. Der CNN-Gründer Ted Turner erinnert mit zitternder Stimme an den Kalten Krieg. „Sie sind mein großer Held“, sagt feierlich Ex-Gouverneur Arnold Schwarzenegger. Für den israelischen Ex-Präsidenten und Nobelpreisträger Shimon Peres ist Gorbatschow ein Mann, der „für immer die Geschichte umgeschrieben hat“. „Keine Angst nur die ersten 80 Jahre sind schwer“, tröstet der 87-jährige Peres seinen russischen Freund.
Es wird still im Saal, als die Zuschauer Aufnahmen von Raissa Gorbatschowa sehen, die 1999 in der Uni-Klinik Münster an Krebs starb. Auf Tonband singt ihr Ehemann eine zärtliche Liebesromanze zur Gitarrenmusik. Gorbatschow hat eine schöne Stimme. Am Ende des Lieds fällt ein Regen aus roten Rosenblättern auf die Bühne. Rockstar Bono vertreibt die Melancholie mit einem fröhlichen Video-Gruss auf Russisch: „Spasibo, na sdorowje“ – mit diesen Worten kippt der U2-Sänger ein Glas Wodka auf Gorbatschows Wohl hinunter.
Zum Abschluss der Gala wird der „Mann, der die Welt verändert hat“ mit allen Stars auf die Bühne gebeten. Während Sharon Stone und Mel C singen, umarmt der gerührte Gorbi den Scorpions-Frontmann Klaus Meine und gibt dem Hollywood-Star Milla Jovovich ein Küsschen auf die Wange. Das hat noch kein kommunistischer Generalsekretär vor ihm geschafft.
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