Vergesst Harrods, Madame Tussauds und den Buckingham-Palast. Ich möchte hier eine andere, weniger bekannte Londoner Sehenswürdigkeit vorstellen, die 2008 immerhin 984 560 Menschen aus aller Welt besucht haben. Die Rede ist vom wichtigsten Haus Großbritanniens mit 3 142 Zimmern, 1 531 Fluren, 876 Treppen, 22 Fahrstühlen, 530 Toiletten und zwei großen Sälen, von denen einer für die Queen unzugänglich ist*.
Hier wurde die Geschichte Großbritanniens und der Welt geschrieben, zum Teil von Perückenträgern, die auf Wollsäcken gesessen und „Yerr, yerr“ gebrüllt haben. Dieser historische Schauplatz von Morden, Intrigen, Tragödien, Heldentum, Triumph und Verrat war den Briten so wichtig, dass sie auf dem Platz vor dem gotischen Meisterwerk von Sir Charles Barry 1868 die erste Verkehrsampel des Königreichs aufgestellt haben (die ein Jahr später explodierte). Ich meine natürlich… na, wisst ihr’s?... den prächtigen Westminster-Palast, Teil des UNESCO-Weltkulturerbes, der seit 1265 die „Mutter aller Parlamente“ beherbergt.
Die weltberühmte "Mutter aller Parlamente". Fotos: almAls Korrespondent bin ich ab und zu in der Downing Street, doch viel interessanter finde ich es im House of Commons, das sich jeden Mittwoch bei den „Prime Minister’s Questions“ in einen „Bärenkäfig“ (BBC) verwandelt. Abgeordnete rufen während der Reden, sie springen auf („catching the Speaker’s eye”), stöhnen, lachen, protestieren, buhen, schelten und schlagen einander knüppelharte Argumente um die Ohren, aber nie ins Gesicht, denn die Kritik wird immer indirekt in Richtung des Parlamentssprechers geäußert. Etwa so: „Mr. Speaker, der ehrenwerte Gentleman geht mit der Wahrheit sparsam um!“ Soll heißen: „Der Idiot dort drüben lügt, dass sich die Balken biegen!“ Churchill bezeichnete übrigens in Debatten Lügen als „terminologische Ungenauigkeiten“, gerade noch höflich genug, um einer Ermahnung zu entgehen. Die „PMQs“ sind ein sehenswertes Schauspiel, das seit 1803 von Zeitungsreportern auf den Pressebänken aufmerksam verfolgt wird. 1832 machte hier Charles Dickens als Journalist Notizen, um darüber Berichte zu verfassen.
Meistens sehr hilfsbereit: Die "Bobbys" vor dem britischen ParlamentDas Beste am Westminster-Palast: Nicht nur Politiker und Presse dürfen an den Sitzungstagen hinein, sondern jeder und fast jederzeit. Auch abends, solange das weiße Ayrton-Licht in der Big-Ben-Spitze leuchtet. So geht’s: Dem „Bobby“ am Cromwell-Denkmal sagen, dass man den Abgeordneten X sehen oder einfach in die “public gallery” will, dann zu den nicht allzu strengen Sicherheitskontrollen, durch die atemberaubende Westminster Hall, links die Treppe hoch in die elegante St. Stephens Hall mit den Statuen von Premierministern, dort den hilfsbereiten Parlamentsangestellten sich als Besucher erkenntlich geben – und warten. Im Allgemeinen geht es viel schneller als im Deutschen Bundestag. Wenn man dran kommt, geht es zunächst in einen schönen quadratischen Raum mit dem Namen Central Lobby, wo die Briten ihre Abgeordneten treffen dürfen (daher kommt auch der Begriff „Lobbyismus“ – Interessenvertretung). Man muss ein Kärtchen mit seiner Heimatadresse ausfüllen und einige Stockwerke hoch Treppen steigen, wo man sein Handy abgibt. Danach darf man auf dem Balkon fürs Publikum Platz nehmen, aus Sicherheitsgründen leider hinter Glas. Ihr kriegt dennoch vom Geschehen viel mit.
Armer Thomas More. Weil er Henry VIII. kein Treueeid leisten wollte, musste er sterbenIch bekomme immer Gänsehaut in der 1099 erbauten Westminster Hall (72 mal 20 Meter) mit der größten ungestützten mittelalterlichen Holzdecke Nordeuropas. Warum? Weil man hier englische Geschichte atmen und berühren kann. 1305 wurde in dieser Halle der schottische Freiheitskämpfer William Wallace („Braveheart“) zum Tode verurteilt. 1535 stand hier Sir Thomas More vor seinen Richtern. 1606 hörten hier die Teilnehmer der „Schießpulververschwörung“ von Guy Fawkes ihren Schuldspruch und 1649 der König Charles I. 1965 lag in der WH der verstorbene Churchill aufgebahrt. 2002 betrauerten die Briten hier ihre „Queen Mother“. Diese Ereignisse haben ihre Spuren in metallischen Plaketten im steinernen Boden der Halle hinterlassen. Ich schaue immer gerne darauf und reise im Geist um viele Jahre zurück.
Das „Haus der Gemeinen“ ist einer der wenigen Parlamente weltweit, in denen Regierung und Opposition nicht im Halbkreis, sondern einander gegenüber sitzen. Der 14 mal 20 Meter große Sitzungssaal wirkt klein und gemütlich. Interessanterweise finden nur 420 Parlamentarier Platz auf den mit grünem Leder bezogenen Bänken. Insgesamt gibt es jedoch 650 Abgeordnete. Das heißt: Die Restlichen müssen bei wichtigen Anlässen in den Gängen und auf dem Fußboden sitzen oder stehen. Getagt wird nur, nachdem der diensthabende „Serjeant at Arms“ die silberne „Keule“ (mace) als Symbol der Staatsmacht auf den Tisch vor dem Speaker gelegt hat. Ihr werdet auf dem Boden vor den Bänken zwei parallel verlaufende rote Linien sehen, die voneinander zwei Schwertlängen entfernt sind – sie dürfen bei Debatten von den Politikern nicht überquert werden. Apropos Schwerter: Der „Serjeant“ hat immer seines dabei, alle anderen nicht. Ein uraltes Gesetz von 1313 verbietet es den Parlamentariern ausdrücklich, im Westminster-Palast Rüstung zu tragen. Nicht erlaubt sind in den Sitzungen geschriebene Reden (damit die Debatten lebendiger und spontaner sind), Aktentaschen, das Tragen von Medaillen, das Lesen von Zeitungen, Essen und Trinken. Erlaubt ist Schnupftabak, den sich seit 200 Jahren jeder Abgeordnete aus einem Kasten am Eingang des Saals holen kann. Sie wird stets auf Kosten der Steuerzahler aufgefüllt.
Am Ende einer Sitzung schreien zwei Türsteher simultan: „Wer geht nach Haaauseee?“ Die Frage stammt aus lange vergangener Zeit, in der sich die Parlamentarier abends immer in Grüppchen zusammentaten, um die Kosten für die Fähre zum anderen Themseufer zu teilen oder um gemeinsam die spärlich beleuchteten (und von Räubern wimmelnden?) Felder zwischen den Stadtteilen Westminster und City zu überqueren.
Westminster Hall. Früher wurde hier über Leben und Tod, Krieg und Frieden entschieden Der Tag im Parlament fängt übrigens seit 1558 an mit der Prozession des Speakers zum Sitzungssaal, die mit dem „Serjeant“-Schrei: „Hats off, Strangers!“ (Hüte abnehmen, Fremden!) eingeleitet wird. Die „Fremden“ – das sind wir, die Besucher des Parlaments. Bis vor ein paar Jahren durfte jeder Parlamentarier mit dem Ausruf „I spy Strangers“ (Ich sehe Fremde) eine Sitzung unter Ausschluss der Öffentlichkeit beantragen. Diesen netten Brauch haben die aber 1998 abgeschafft, angeblich um uns Normalsterbliche nicht länger zu diskriminieren. Eigentlich schade.
Zum Schluss kann ich noch empfehlen, in einem der Parlamentsrestaurants zu speisen (am besten gemeinsam mit einem Abgeordneten, wenn es geht): So billig kriegt man sonst in London nirgendwo ein leckeres Mittagessen. Also guten Appetit, „Strangers“!
*Ihre Majestät darf wie alle englischen Könige seit Jahrhunderten nicht das House of Commons betreten, sondern nur das House of Lords.