Alexei Makartsev: Im Haus der fünftausend Zimmer

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Goodbye, London!

Nach 2 879 Geschichten aus Großbritannien in sieben Jahren war dies mein letzter Text als Korrespondent in London

LONDON. Er kommt mit zehn Minuten Verspätung, die mit Kameras behängten Touristen hatten schon besorgt auf ihre Uhren geschaut. Die Bremsen quietschen. Auf der offenen Heckplattform macht uns der tätowierte junge Kontrolleur ein ungeduldiges Zeichen zum Einsteigen. "Schon gut, Kumpel", sagt er lächelnd, als ich ihm meine Magnetkarte entgegenstrecke. "Meine Ticketmaschine funktioniert nicht. Diese Fahrt geht auf uns".

Der rote Doppeldecker mit der Seriennummer RM2701 fuhr noch vor der Mondlandung auf Londons Straßen. Er ist ein Auslaufmodell. Wie ich auch. Meine Zeit als Berichterstatter in der lebendigen, liebenswerten, aufregenden, stilvollen, toleranten, weltoffenen und vielseitigen Metropole ist fast vorbei. Ich will ein letztes Mal mit dem alten Routemaster auf der Strecke 15 durch die City fahren und "Goodbye" sagen. Oben im Salon ist es leer. Der Oldtimer-Motor brummt angestrengt, als wir durch den dichten Morgenverkehr am Tower Hill rollen. Ich denke daran, wie gut der Bus als Abschiedsgefährt zu mir passt. Sein Kennzeichen beginnt mit den Buchstaben "alm", das war all die Jahre mein Kürzel als Korrespondent.

Wilde Stadt


Der Tag begann wie immer mit dem lauten Gekrächze der wilden Papageie hinter dem Schlafzimmerfenster. In der Nacht hatten die Füchse vor unserem Haus um die Essensreste im Müll gekämpft. Als ich ging, verabschiedete mich im Vorgarten das fröhliche Eichhörnchen mit dem gerupften Schwanz, dem meine Kinder den Namen "Flummi" gegeben haben. Ers kürzlich sah ich wieder abends einen dicken Dachs in der Nachbarstraße spazieren gehen. London wird mir in Erinnerung bleiben als eine grüne Achtmillionenstadt, in der sich nicht nur die Menschen, sondern auch Tiere scheinbar sehr wohl gefühlt haben.

Noch vor den Papageien hatte mich das Dröhnen eines tief fliegenden Jumbojets geweckt. Auch das gehörte zu unserem Londoner Leben: der Lärm vom größten Flughafen Europas, auf dem täglich im Schnitt 1 288 Flugzeuge starten und landen. Abends beim Laufen an der Themse beobachtete ich oft die vielen leuchtenden Punkte im Himmel. Die Jets schienen wie Glühwürmchen über dem wohlhabenden Vorort Richmond zu kreisen, dessen exorbitant hohe Immobilienpreise unbegreiflicherweise nie an der geräuschvollen Heathrow-Nachbarschaft gelitten haben. Jetzt allerdings rebellieren die Südwest-Londoner gegen den geplanten Ausbau des riesigen Verkehrsknotens, der eine dritte Start-und-Landebahn kriegen könnte.

Gestrandet in London wie Assange


Ein "grüner" Multimillionär führt ihren Widerstand an. Der ehemalige Umwelt-Aktivist und Journalist Zac Goldsmith ist einer jener eigenwilligen Tory-Hinterbänkler im Parlament, die dem Premier David Cameron das Leben schwer machen. Ich bin jedoch dem 38-jährigen Abgeordneten sehr dankbar, seit Zac bei der Einwanderungsbehörde UKBA gegen meine 1,5-jährige "Inselhaft" protestiert hat. Mitte 2010 war mein fünfjähriges Visum für das Vereinigte Königreich ausgelaufen, die Bürokraten traten das Gesetz mit den Füßen und verweigerten mir grundlos einen neuen Pass-Aufkleber, mit dem ich hätte reisen können. Ich saß in London fest wie Julian Assange in der Botschaft von Ecuador. Am Ende gab die Behörde klein bei und entschuldigte sich schriftlich für ihr Versagen. Wenige Tage später wurde sie von der Innenministerin Theresa May wegen ihrer "Unfähigkeit" aufgelöst.

Ich fahre im Routemaster an der St.-Paul's-Kathedrale vorbei und denke daran, wie die Occupy-Bewegung hier acht Monate lang gegen das "unfaire" System gekämpft hat. Ich hatte das Zeltlager der Demonstranten im November 2011 besucht. Sie waren entschlossen, die "gierigen Banker" zu bestrafen, die millionenschwere Boni kassierten, während die armen britischen Pensionäre im Winter in ihren ungeheizten Häusern an den Folgen der Kälte sterben mussten. "Wir werden die Gesellschaft aufklären, dann ist die Revolution nicht mehr zu stoppen", erklärte mir damals eine junge Britin. Was hat sich verändert? Occupy ist vergessen, doch das Finanzviertel boomt weiter. Vor einem Monat errechnete die EU-Bankenaufsicht, dass in der City dreimal so viele Banker Boni und Gehälter in Millionenhöhe kassierten, wie in allen anderen Staaten Europas zusammengenommen.


Stadt der Gegensätze


Ja, auch das zeichnet für mich London aus: große Kontraste auf kleinem Raum. In der glitzernden Themse-Metropole koexistieren die unterschiedlichsten Kulturen friedlich nebeneinander, sind dekadenter Überfluss und blanke Existenznot oft nur einen Steinwurf entfernt. Es ist typisch, dass sich die reichen Oberschichtschnösel und armen Sozialhilfeempfänger abends zum gemeinsamen Fußballgucken im Pub treffen. Doch dieser egalitäre Schein trügt. Das wurde mir spätestens im August 2011 klar, als eine Horde der mehrheitlich abgestumpften, asozialen, arbeitslosen Chaoten tagelang aus Frust, Langeweile und Gier ihre Viertel abgefackelt und die Shops der entsetzten Mittelschicht geplündert hat.

Damals schämte ich mich für London. Im folgenden Sommer richtete die Hauptstadt jedoch die perfektesten Olympischen Spiele aller Zeiten aus und übertünchte den Schandfleck auf ihrer neueren Geschichte mit Gastfreundlichkeit, Humor und Charme. Ich bin mir jedoch nicht sicher, ob sich die Krawalle nicht eines Tages wiederholen könnten. Die große britische Klassen-Kluft ist durch Camerons Sozialreformen nicht geschrumpft, sonder weiter gewachsen. Mein Nachbar Tim ist ein Beispiel dafür, wie sehr das Thema soziale Gerechtigkeit die Londoner bewegt. Der höfliche, ruhige Jazzmusiker kocht vor Wut, sobald das Gespräch auf die Politik der liberal-konservativen Koalition kommt. Als im Frühjahr Margaret Thatcher mit Staatspomp begraben wurde, trug Tim tagelang Trauer. Nicht um die "Eiserne Lady", sondern um Entscheidung der Tories, in Zeiten der Finanznot umgerechnet 1,4 Millionen Euro für eine umstrittene Galionsfigur der sozialen Spaltung auszugeben.

Müde von London? Ach was!


Mein roter Doppeldecker fährt durch die ehemalige Zeitungsstraße Fleet Street mit dem schönsten Londoner Pub "The Old Bank of England", vorbei an den wartenden "black cabs" für die Sieger und Verlierer der Justizschlachten im majestätischen Royal Court of Justice. Minuten später passieren wir in der Theatermeile The Strand das historische "Savoy"-Hotel und den obdachlosen Zeitschriftenverkäufer, der immer auf einem Bein steht, um die Käufer anzulocken. Am Trafalgarplatz, wo Lord Nelson von seiner Siegessäule auf das ewige touristische Gewimmel ratlos herabschaut, treibt der tätowierte Kontrolleur alle Fahrgäste aus dem Routemaster hinaus. Ich steige in die Tube hinab, um in einer stickigen Sardinendose der District Line nach Richmond zurückzukehren.

"Sie finden keinen intelligenten Menschen, der London verlassen will", sagte der englische Schriftsteller Samuel Johnson im 18. Jahrhundert. "Nein, Sir", wiederholte er mit Nachdruck, "wenn ein Mann müde ist an London, dann ist er des Lebens müde". Unrecht hatte er, der alte, weise Samuel. Ich habe in den knapp sieben Jahren als Korrespondent in der magischen Hauptstadt der Briten genug gesehen und erlebt, um leichten Herzens Abschied nehmen zu können. Ich verlasse gerne London. Und freue mich auf das Wiedersehen.

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